Covid-19-Pandemie: Psychische Belastungen reduzieren (3/2020)

Viele Bevölkerungsgruppen sind auch bei uns in Biebertal von der aktuellen Covid-19-Pandemie betroffen, so dass seriöse Information helfen, sich angemessen zu verhalten und zu schützen.

Foto: Mackenroth – Abstand halten

Vorbeugung und Reduktion der psychischen Belastung in der Allgemeinbevölkerung im Rahmen der COVID-19-Pandemie kommt aktuell eine wichtige Bedeutung zu.
Hier werden aktuelle internationale Empfehlungen (WHO, Inter-Agency-Standing Committee (IASC) der Vereinten Nationen, Internationales Rotes Kreuz) zum Umgang mit psychosozialen Belastungen im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie zusammengefasst.

Seit im Januar 2020 in Deutschland der erste offiziell registrierte Fall registriert wurde, steigen die Berichterstattung über die Pandemie. Staatlichen Maßnahmen, die zu einer Verlangsamung der Ausbreitung des Virus führen sollen, nehmen zu und verwirren durch ihre Vielfalt, Unterschiedlichkeit und logischen Ungereimtheiten.
All das hat in der Bevölkerung zunehmend Ängste und Sorgen bezüglich der der gesundheitlichen, gesellschaftlichen und psychosozialen Auswirkungen verbreitet.
Öffentliche und mediale Diskussion zeigen, dass neben den oben genannten Problemfeldern auch die nachfolgenden psychosoziale Belastung der Bevölkerung eine eigene gesundheitliche Dimension besitzt.

So konnte bereits in der Vergangenheit gezeigt werden, dass Epidemien (und mehr noch Pandemien) dazu führen, dass die gesamte Bevölkerung ein überzufällig ein erhöhtes Niveau an Stress erlebt.
Zudem zeigte sich, beispielsweise im Rahmen der letzten Ebola-Epidemie, dass Verhalten, das im Zusammenhang mit Ängsten und psychischer Belastung auftritt, auch zur Erschwerung der Durchführung von Maßnahmen zur Behandlung der Erkrankungen sowie einer stärkeren Verbreitung der Erkrankung beitragen können.
Grundsätzlich ist, in Analogie zu ähnlichen Ereignissen in der Vergangenheit, davon auszugehen, dass eine psychische Belastung infolge der COVID-19-Pandemie in großen Teilen der Bevölkerung auftritt.

Ein paar einfache Wahrscheinlichkeiten
Auf Grundlage der gemeldeten Neuerkrankungen des Robert Koch Instituts liegt die Wahrscheinlichkeit, sich mit dem Coronavirus in Deutschland zu infizieren bei etwas über einem Zehntausendstel von 1%.
Das heißt etwas anschaulicher, dass 1 Person von ca. 750.000 Einwohnern infiziert wurde.
Die durchschnittliche Ansteckungsrate über die letzten 7 Tage lag bei etwa einem Tausendstel von 1%.
Das heißt, pro Tag steckte sich im Schnitt eine von 100.000 Einwohnern an.
Die Wahrscheinlichkeit, eine Woche lang gesund zu bleiben liegt mit dieser durchschnittlichen Ansteckungsrate bei 99,99%.
Die Wahrscheinlichkeit, ein Monat gesund zu bleiben liegt bei 99,97%.
(Quelle: Prof. Dr. Klaus Wälde, Johannes Gutenberg Universität Mainz)

Dennoch sind viele der Reaktionen – vor dem Hintergrund einer durchaus im Einzelnen, wenn auch statistisch nicht so häufigen, realen Gefahr – zunächst nicht als pathologische Reaktion auf ein außergewöhnliches Ereignis einzuordnen.
Als psychologisch normal können, laut internationalem Roten Kreuz, folgende Reaktionen während einer Pandemie angesehen werden:
- Ängste, krank zu werden und zu versterben;
- Ängste auch vor Symptomen und Erkrankungen, die relativ einfach behandelt werden können;
 -Angst, durch das Aufsuchen von Einrichtungen der Gesundheitsfürsorge zu erkranken und versterben;
- Sorgen, nicht mehr in der Lage zu sein, den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten, während einer Isolation nicht arbeiten zu können oder gekündigt zu werden, weil der Arbeitgeber beispielsweise Angst vor Kontamination hat;
- Gefühle von Hilflosigkeit und Depression infolge von Isolation;
- Misstrauen und Ärger gegenüber allen, die mit der Krankheit in Verbindung gebracht werden;
- Stigmatisierung und Angst vor Patientinnen und Patienten, Gesundheitsfachkräften und Menschen, die Erkrankte pflegen;
- das Ablehnen von Ansprache durch Gesundheitsfachkräfte oder Freiwillige bis hin zu verbaler oder körperlicher Bedrohung von Helferinnen und Helfern.

Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass es zu einer Zunahme von psychischen Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen, und Aggressivität kommen kann.
Für die Entstehung psychischer Belastungen spielen neben Reaktionen, die auf reale Gefahren zurückgehen, insbesondere mangelndes Wissen oder falsche Information oder Gerüchte eine wesentliche Rolle.

Die Einordnung der Erlebensweisen als normal – in einer aussergewöhnlichen Situation – spielt bei der Beunruhigung eine wichtige Rolle. Denn bei der Erforschung des Umgangs mit Infektionskrankheiten konnte ein Teufelskreis aus Ängsten und ihrer Verdrängung nachgewiesen werden, wobei Ängste und Verdrängung sich gegenseitig verstärkten.
Naheliegend ist also, dass die Kommunikation der Professionellen des Gesundheitswesens einen wichtigen Beitrag dazu leisten kann, (un)mittelbare Ängste und Stress innerhalb der Allgemeinbevölkerung zu verringern. Dies spielt bei der Vorbeugung und Bewältigung psychischer Belastungen eine wichtige Rolle.

Informationen für die Allgemeinbevölkerung
Es gilt Botschaften zu vermittelt, die den Stress bezüglich der COVID-19-Pandemie reduzieren.
Dabei spielt unter anderem die Normalisierung von starken Emotionen eine große Rolle.
- Es ist normal, sich traurig, ängstlich, gestresst, unsicher oder wütend zu fühlen.
– Soziale Unterstützung hilft: Sprechen Sie mit Menschen, denen Sie vertrauen. Kontaktieren Sie Ihre Freunde und Familie.
- Wenn Sie zu Hause bleiben, erhalten Sie einen gesunden Lebensstil aufrecht.
Dazu zählen zum Beispiel körperliche Aktivität, eine gesunde Ernährung und soziale Kontakte (gegebenenfalls über Telefon/elektronische Medien).
- Vermeiden Sie den Konsum von Tabak, Alkohol oder anderen Drogen als Strategie zur Emotionsregulation.
- Falls notwendig, suchen Sie sich Unterstützung bei Gesundheitsfachkräften oder anderen Personen in Ihrem sozialen Umfeld, denen Sie vertrauen.
- Machen Sie sich einen Plan, wo Sie professionelle Hilfe bezüglich körperlicher, psychischer und psychosozialer Probleme erhalten können, falls dies notwendig werden sollte.
- Orientieren Sie sich an Fakten: Verschaffen Sie sich einen Überblick über Ihr persönliches Risiko und die Möglichkeiten, sich zu schützen. Verwenden Sie hierfür nur seriöse Quellen wie beispielsweise die des Robert Koch-Instituts oder des Bundesgesundheitsministeriums.
- Beachten Sie auch positive Nachrichten bezüglich der aktuellen Krise, beispielsweise die Zahlen der bereits geheilten Personen oder Berichte über milde Verläufe.
- Meiden Sie den Konsums von potenziell beunruhigenden Medienberichterstattungen.
Dabei sollten die Menschen ermuntert werden auch positive Nachrichten, wie beispielsweise die Zahl der bereits gesundeten Menschen, bewusst zu berücksichtigen und sich nicht einseitig auf negative Ereignisse zu fokussieren.
– Das Aufstellen eines Krisenplans kann empfohlen werden, wo, falls notwendig, medizinische und psychosoziale Hilfe zu bekommen ist.
– Neben diesen eher inhaltlich orientierten Botschaften spielt das Vermitteln von Interesse und Empathie eine zentrale Rolle bei der Verarbeitung von Krisenerleben.

Empfehlungen für Menschen in Isolation
Da mit einer Isolation, beispielsweise durch staatlich angeordnete Quarantäne, zahlreiche Belastungsfaktoren für die psychische Gesundheit einhergehen, scheinen spezielle Empfehlungen für diese Bevölkerungsgruppe relevant.
– Von besonderer Bedeutung ist dabei die Möglichkeit, mit Freunden und Familie kommunizieren zu können, um so Gefühle von Einsamkeit und Isolation zu reduzieren.
Für die Aufrechterhaltung dieser Kommunikation kann die Nutzung entsprechender technischer Kommunikationsmedien empfohlen werden (zum Beispiel Messenger-Apps).
– Regelmäßig körperliche Aktivitäten sollten betrieben werden, die auch in der Wohnung leicht durchführbar ist (beispielsweise Yoga, Pilates oder Krafttraining).
– Kognitive, geistig herausfordernde Aktivitäten werden empfohlen, wobei dabei unterschiedlichste Formen im Alltag denkbar sind (Sudoku, Kreuzworträtsel, Spiele).
– Entspannungsübungen (zum Beispiel Progressive Muskelrelaxation nach Jacobsen) können empfohlen werden.
– Bezüglich der Informationsaufnahme sollte möglichst nur ein bis zwei Mal pro Tag das Tagesgeschehen verfolgt und die Beschäftigung mit beunruhigenden Nachrichten und Gerüchten bewusst eingeschränkt werden.
– Als Beschäftigung wird das Lesen von Büchern oder Magazinen, bei denen kein Bezug zu den aktuellen Ereignissen besteht, empfohlen.
– In der Kommunikation sollte ein besonderer Fokus auf das gesprochene Wort gelegt werden, da nonverbale Kommunikation, durch die sonst oft Empathie und emotionale Wärme vermittelt werden, unter Umständen durch die Einschränkung von körperlichem Kontakt, Schutzkleidung und Gesichtsmasken eingeschränkt sind.

Empfehlungen zum Umgang mit Kindern
Typischerweise Reaktionen auf Stress können anklammerndes Verhalten bei den Bezugspersonen, Ängste, Stimmungsschwankungen, Rückzugsverhalten, Albträume, Bettnässen, aber auch Wut und Ärger sein.
Bezugspersonen sollten wissen, dass Kinder in Krisensituationen besonders viel Zeit und Aufmerksamkeit benötigen und Trennungserfahrungen nach Möglichkeit zu vermeiden sind.
Wenn diese, zum Beispiel infolge von Quarantänemaßnahmen, nicht zu vermeiden sind, sollte darauf geachtet werden, dass die Bezugspersonen in regelmäßigem zum Beispiel telefonischen Kontakt mit den Kindern stehen. Kindern sollten zudem mit Unterstützung ihrer Bezugspersonen, ihren Emotionen und Ängsten Ausdruck verleihen können. Dabei sollten die Bezugspersonen auch ihren eigenen emotionalen Ausdruck im Blick behalten und möglichst ruhig bleiben.
Um Sicherheit zu vermitteln, wird empfohlen, existierende Routinen möglichst aufrechtzuerhalten.
Falls dies nicht möglich ist, sollten unter veränderten Umständen neue Routinen geschaffen werden.
Kinder brauchen zudem ausreichend Raum für Spiel und Entspannung.
Die Kinder sollten, unter Berücksichtigung ihres Alters, über die relevanten Fakten der aktuellen Situation aufgeklärt werden. Dies beinhaltet die aktuelle Situation, mögliche Maßnahmen zur Reduktion des Ansteckungsrisikos (zum Beispiel Händewaschen) aber auch potenzielle Entwicklungen in der Zukunft.
Um Kinder nicht weiter zu verängstigen sollte es vermieden werden, vor ihnen über unklare Fakten oder Gerüchte zu spekulieren.

Empfehlungen zum Umgang mit älteren Menschen
Bei älteren Menschen, insbesondere wenn kognitive Defizite oder eine Demenz vorliegen und Isolationsmaßnahmen angeordnet werden, können heftige Emotionen von Angst, Ärger, Stress oder auch starke Agitation oder Rückzug auftreten.
In dieser Zielgruppe ist praktische, aber auch emotionale Unterstützung durch vertraute Bezugs-personen besonders wichtig.
Bei der Informationsvermittlung ist bei älteren Menschen darauf zu achten, dass bei kognitiven Einschränkungen die Information besonders klar und deutlich und in kleinen Portionen vermittelt werden sollte. Die Informationen sollten zudem so oft wie nötig wiederholt werden und es sollte kein Ärger gezeigt werden, falls etwas vergessen wurde.
Ältere Menschen haben oft weniger Erfahrung mit der Nutzung moderner Kommunikationsmedien. Um sie bei der Aufrechterhaltung sozialer Kontakte zu unterstützen und Gefühlen von Isolation vorzubeugen, sollten sie daher bei der Nutzung moderner Kommunikationsmöglichkeiten unterstützt werden.
Zudem sollte ihnen angeboten werden, sich mit internetbasierten Unterstützungen vertraut zu machen (Lebensmittellieferung über Internet, Taxi bestellen per App).
Ältere Menschen könnten zudem mit der Verwendung von Materialen zum Infektionsschutz weniger vertraut sein, sodass ihnen die Funktionsweise und Handhabung besonders ausführlich erklärt werden sollte.
Um die gesundheitsförderlichen Effekte körperlicher Aktivität nutzen zu könnten, sollten ältere Menschen mit einfachen körperlichen Übungen, die zu Hause ausgeführt werden können, vertraut gemacht werden. Ältere Menschen könnten zudem ermutigt werden, ihre Erfahrung und Expertise in Form von geeigneten Freiwilligendiensten zur Verfügung zu stellen.

Quelle: Dtsch Arztebl 2020; 117(13): A-648 / B-552, Petzold, M.B., Ströhle, A., Plag, J.
Literatur im Internet: www.aerzteblatt.de/lit1320.